F und Antifa

Zu Geschlechterrollen und (Alltags-)Sexismen in der Szene

Es ist mal wieder Dienstagabend halb neun, eigentlich sollte das Plenum längst begonnen haben, aber wie das so ist, zieht sich der Beginn. Es wird geplaudert. Die Neuen in der Runde sind verunsichert, wissen nicht so recht woran sie sind, können nicht mitreden. Eingefahrene Gruppenstrukturen eben. Es ist eine komische Situation. Aber nicht nur durch das Neusein kann einer_m eine blöde Rolle in der Gruppe zugewiesen werden. (Alters-)Hierarchien und Coolness-Fragen spielen da häufig mit rein. Die einen schaffen es schneller in die Strukturen als andere. Aber warum? Die erwähnte Unsicherheit spielt bestimmt eine große Rolle. Selbstsicheres Auftreten wird gern gesehen, das sind die Leute auf die man sich verlassen kann!

Nun, was hat das mit Geschlechterrollen und Stereotypenbildern in der Antifa zu tun? Nichts? Das wäre schön! Das Plenum beginnt. Es steht an eine Podiumsdiskussion zu organisieren. Wär schon gut, wenn es paritätisch besetzt wäre, also wenn mindestens gleichviele Frauen wie Männer auf dem Podium sitzen würden. Die Blicke richten sich automatisch auf die zwei Frauen in der gut besetzten Runde. Die eine ist neu dabei. Es ist erst ihr zweites Plenum und sie fühlt sich unter Druck gesetzt, sagt nichts und wartet einfach ab, dass die unangenehme Situation vorüber geht. Es geht ja auch darum die eigene Unsicherheit zu verbergen, das Gesicht zu wahren. Die andere würde es machen. Das ist gut. Es hat sich ja zumindest eine gefunden, das sollte reichen. Es wird zum nächsten Tagesordnungspunkt übergegangen.

Markierungen

Solche und ähnliche alltägliche Situationen gibt es zu Hauf und sie sind auf den ersten Blick recht banal. Aber sie zeigen viel. Nicht jede_r ist mit einem großen Ego gesegnet und es sind nicht nur und natürlich keinesfalls alle Frauen unsicher, aber wenn eine solche geschlechtsspezifische Aufmerksamkeit produziert wird, ist das eine sehr ambivalente Situation. Einerseits ist der Anspruch Frauen auch in der Antifa – die oft mit krasser Männlichkeit assoziiert wird – sichtbar zu machen richtig und wichtig und auf der anderen Seite wird damit schnell eine implizite Abwertung produziert, wenn nur die Geschlechtszugehörigkeit und nicht die Person gesehen wird. Eine Reaktion darauf ließe sich wie folgt zusammenfassen: Ich möchte doch nicht auf ein Podium, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich was zu sagen habe! Wenn Selbstbewusstsein (und Anerkennung in der Gruppe) schon vorhanden sind, wird das vielleicht gar nicht mehr so wahrgenommen, aber wenn Unsicherheit da ist, schon. Ganz zu schweigen von Kontexten in denen es nicht einmal den Anspruch gibt Frauen sichtbar zu machen. Da muss das meistens von den Feminist_innen eigefordert werden und selbige werden dann schnell belächelt: Es werden  Augen verdreht oder es kommt ein abfälliger Spruch.

Was es heißen kann als Frau markiert oder angesprochen zu werden, kann verschiedene Dimensionen haben. Der platte Sexismus, der sich im krassen Fall im sexuellen Übergriff, und auch in einem Klaps oder Spruch manifestieren kann, alltägliche Diskriminierungen als Frau, aber – und das ist der Punkt, den es hier zuerst anzusprechen galt – auch die Mittel, die zur Aufhebung des Ganzen eingesetzt werden, wie die Quotierung, müssen diese Geschlechterlogik reproduzieren und das ist nun einmal ambivalent. Es geht hier aber keinesfalls darum, Frauen als Opfer der Antifa zu stilisieren, deren Teil sie ja schließlich auch sind, sondern darum, dass es nicht einfach ist, mit den gesellschaftlichen Klischees zu brechen. Selbst wenn es eine Sensibilität gibt, geht mancher Versuch sich von Stereotypenbildern zu lösen leider nach hinten los. Quotierung, Präsenz von Frauen zum Beispiel in der ersten Reihe einer Demo und dergleichen gehören in manchen Teilen der antifaschistischen Linken mittlerweile durchaus zum Standard, aber damit hat sich die Sache Antisexismus dann meistens auch erledigt. Dass es ein Behelfsmittel ist, zu quotieren und dabei manchmal auch neue Probleme auftauchen können ist dabei mitzudenken. Damit zeigt sich auch an, um was es hier geht: ein Plädoyer dafür, einen Raum zu haben geschlechtsspezifische Hierarchisierungen anzusprechen und (situative) Umgänge damit zu finden. Es gibt eben nicht die eine Lösungsformel mit der alles geregelt werden kann, damit sich dann nicht mehr mit dem leidigen Thema Geschlechterrollen beschäftigt werden müsse.

Aber bevor sich überhaupt damit auseinandergesetzt werden kann, muss es ein Verständnis dafür geben, dass es gesellschaftlich produzierte geschlechtsspezifische Ungleichheitsverhältnisse gibt! Wenn das nicht vorhanden ist, wird es schwierig. Feministische Kritik des sexistischen Normalzustandes bezieht sich eben darauf, dass dem aktuellen Geschlechterverhältnis ein Machtgefälle eingeschrieben ist, das sich auf verschiedenen Ebenen zeigt: in konkreter Entmachtung und Diskriminierung von Frauen, oder in unterschiedlichen Chancen auf Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, aber auch in Wahrnehmungsweisen, nach denen Frauen eher zum Objekt gemacht werden und Männer die Subjekte sind.

Grenzfragen

Dass alltägliche Verhaltensweisen strukturell sexistisch sein können, wird aber leider all zu oft erst gar nicht gesehen. Dies zeigt sich allein daran, dass das Thema Sexismus in der Szene immer wieder erst auf den Tisch gebracht wird, wenn was passiert ist und dann ist kaum ein Raum da, um über Alltäglichkeiten zu reden. Wenn es einen sexistischen Übergriff gab – in den meisten Fällen sind Frauen die Betroffenen –, ist es häufig so gelaufen, dass die einen eine radikale Abwehrhaltung eingenommen, den Übergriff gar nicht als solchen gesehen haben, und die anderen sich leider manchmal auch bis hin zum Gewaltexzess hinter die Betroffenen gestellt haben. Die ersteren sollen an dieser Stelle nicht das Thema sein. Mit denjenigen über Alltagssexismen zu reden, die nicht einmal explizite – hoffentlich nicht alltägliche – Übergriffe als solche anerkennen, macht leider wenig Sinn. Und die letzteren, da wird es komplizierter. Solidarität ist in solchen Fällen ganz ganz wichtig, aber es geht nicht darum, wer dem oder der Täter_in zuerst aufs Maul geben kann. Das kann auch eine Form von Mackertum sein. An solchen Reaktionen zeigt sich mitunter, dass sich mit der Situation gar nicht auseinandergesetzt wurde. Etwas zugespitzt heißt das: Wenn ich mich prügeln kann, um zu zeigen wie antisexistisch ich bin, dann muss ich mich nicht selbst hinterfragen. Genau das wäre aber Teil eines antisexistischen Anspruches. Es gibt nicht die eine feste richtige Reaktion, sondern es sind permanente Selbstverortungs- und Artikulationsprozesse. Natürlich ist nicht alles verhandelbar, aber gerade im Bereich sexueller Grenzverletzungen und -überschreitungen spielen die persönlichen Grenzen eine ganz große Rolle. Entsprechend sollten auch die Reaktionsweisen vor allem dahin gehen, dass die Opfer geschützt werden und die Täter_innen verstehen und einsehen, dass sie gerade Grenzen überschritten haben und diese damit auch wenigstens im Nachhinein noch anerkennen! Was sich nicht damit widerspricht sie des Raumes zu verweisen oder gegebenenfalls langfristige Hausverbote auszusprechen, insbesondere, wenn der Raum von den Betroffenen genutzt wird!

Auf der anderen Seite gibt es auch krasse Hemmschwellen, überhaupt den Mund aufzumachen, wenn was passiert ist. Und hier ist die ganze Bandbreite von einem sexistischen Spruch über einen „Klaps“ auf den Hintern bis hin zu direkter sexueller Gewalt gemeint. Während bei der letzteren drastische Traumatisierungen eine Thematisierung hemmen können, ist es bei den ersteren eher ein Problem von Unsicherheiten sowohl sich überhaupt zu trauen was zu sagen, als auch den eigenen Grenzen gegenüber. Hier ist die Frage: Wo liegen meine Grenzen und wann werden sie überschritten? Bei „leichteren“ Angriffen ist es recht schwierig die adäquate Reaktion zur richtigen Zeit parat zu haben. Gerade auch deswegen ist es wichtig sich losgelöst von direkten – häufig auch emotional sehr aufgeladenen – Übergriffen mit der Frage auseinanderzusetzen, wo die eigenen Grenzen liegen oder wann ich evtl. die Grenze meines Gegenübers überschreiten könnte. Und auch, wie ich reagiere, wenn etwas neben mir passiert. Sexismus hat die verschiedensten Gesichter und muss thematisiert werden sowohl um in drastischen Situationen reagieren zu können, als auch um alltägliche Zuschreibungen überhaupt zu sehen.

Offenheiten

Und was haben nun sexuelle Übergriffe mit der Besetzung von Podien zu tun? Glücklicherweise nicht viel! Es sind zwei verschiedene Bereiche, und Quotierung, wie auch andere Mittel, den gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen entgegen zu wirken, sollen hier keinesfalls diskreditiert werden. Nur die Auseinandersetzung mit den Problemstellungen, die bei der Personalfrage dazu gehören müsste, findet leider häufig ausschließlich im Bereich direkter Übergriffe statt. Und so kommt es dann zu den unangenehmen Situationen, wo nicht klar ist, ob die Genoss_innen nun Respekt zollen, oder eben einfach ne Frau brauchen um die Quotierung einhalten zu können. Beide Ebenen – also die auf der Frauen als Frauen angegriffen oder diskriminiert und die auf der sie als solche angesprochen werden – sind wichtig zu reflektieren. Das Angesprochenwerden soll der Diskriminierung entgegenwirken und dafür ist es notwendig, die Reproduktionen von gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen offen zu legen. Das Geschlechterverhältnis mit der ihm eingeschriebenen Hierarchie ist ein konstituierendes Herrschaftsverhältnis für die uns gegenwärtige Gesellschaft und dem müsste linke Politik auch Rechnung zollen.

 

AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig Antifa Kalender 2013 Oktober 2012