Das strukturelle Patriarchat

Es geht um die Frage nach dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnis und wie es am besten beschrieben und benannt werden kann. Entsprechend wird im Folgenden der Versuch unternommen einen systematischen Begriff zu skizzieren, der Funktions- und Strukturmechanismen des gegenwärtigen Geschlechterverhältnisses in den Fokus nehmen kann: das strukturelle Patriarchat. Dieser Begriff wird in Aufnahme und Kritik insbesondere des Konzeptes der heteronormativen Matrix, wie Judith Butler es 1990 einführte, konturiert. Daher wird die Frage, was unter dem strukturellen Patriarchat zu verstehen ist, auch erst an eine Skizze des Konzeptes von Butler anschließend genauer aufgenommen. Aber schon mal vorweg: wir denken, dass der Begriff des strukturellen Patriarchats wichtige Kritikpunkte am Geschlechterverhältnisses aufnehmen kann, die in dem Konzept der heteronormativen Matrix in den Hintergrund getreten sind.

Zu den Anfängen

Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die direkte Ungleichstellung und damit einhergehende Abwertung von Frauen durch Männer als Patriarchat bezeichnet. Insbesondere in der Ersten Frauenbewegung wurde der Patriarch zum Stellvertreter machtvoller Männer insgesamt, und die primäre Kritik richtete sich auf die sexuelle Verfügungsgewalt von Männern über Frauen. In der Zweiten Frauenbewegung in den ausgehenden 1960er Jahren wurde der Begriff Patriarchat ein zentraler Kampfbegriff. Dieser diente der Zweiten Frauenbewegung, oder zumindest Teilen derselben, zur Politisierung bestehender Geschlechterverhältnisse, er eröffnete die Möglichkeit der Kritik an den vorherrschenden Rollenbildern von Mann und Frau: Mit Patriarchat wurde nicht nur die Herrschaft von Männern über Frauen verstanden, sondern auch die klare Verteilung gesellschaftlicher Aufgaben und Ressourcen bezeichnet. Männer wurden danach – im materialistischen Sprachgebrauch der ausgehenden 1960er Jahre – mit der ‘Produktionssphäre’ identifiziert und Frauen mit der ‘Reproduktionssphäre’. Der Begriff wurde so zu einem Analyse-Begriff für die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Kritisiert wurde, dass Männer gesellschaftlichen Normvorstellungen gemäß in der Öffentlichkeit – eben der Produktionssphäre – und Frauen dagegen in der Privatheit – der Reproduktionssphäre – situiert wurden und werden. Der Ansatz der Kritik der Zweiten Frauenbewegung ist diese Sphärentrennung mit den entsprechenden Zuschreibungen. Zugespitzt verdeutlicht sich das an dem bekannten Leitspruch: „Das Private ist politisch.“ Oder anders ausgedrückt: Herrschaftsverhältnisse machen nicht an der Haustür halt. Dieser Anspruch richtete sich gegen die Nebenwiderspruchsrhetorik der Genossen, die den Kampf gegen Herrschaft – wie erwähnt, in der Sprache der ausgehenden 1960er Jahre – mit dem Arbeiterkampf gleichsetzten und Kritik am Sexismus völlig vernachlässigten. Mit dem Begriff Patriarchat sollte der Blick dafür geöffnet werden, dass nicht nur das Klassenverhältnis ein Problem ist und zudem die Unterdrückung ‘der Frau’ meist im Privaten stattfindet, also nicht direkt mit einer Kritik am Kapitalismus erfasst wird. Zentrales Anliegen war es, deutlich zu machen, dass die Diskriminierung von Frauen kein ‘Nebenwiderspruch’ kapitalistischer Vergesellschaftung ist, der sich mit der Revolution schon auflösen werde, sondern eine spezifische Unterdrückung. Diese Unterdrückung ist eben eng an die Trennung von öffentlich und privat gekoppelt und dabei wesentliches Struktur- und Funktionsmerkmal der gegenwärtigen Gesellschaft.

Patriarchat wurde in verschiedenen Bereichen für die politischen Forderungen der Zweiten Frauenbewegung als Kampfbegriff in Anschlag gebracht: Im juristischen war die Forderung nach voller Gleichberechtigung zentral, aber auch der Kampf um die Abschaffung des § 218. Die Familienordnung stand im Zentrum der Kritik. Frauen sollten nicht mehr allein für die Kindererziehung verantwortlich gemacht werden. Und außerdem – fundamentaler – richtete sich diese Kritik gegen die Kontrolle des Körpers und des Eigentums der (Ehe)Frauen von den Ehemännern insgesamt und gegen Gewalt gegen Frauen im weiteren Sinne. Im kulturell-philosophischen Bereich entstanden die Frauenforschung und feministische Theorien, die am Patriarchatsbegriff ansetzten und diesen erweiterten, zum Beispiel in der Kritik am Androzentrismus, nach dem Männer gesellschaftlich als Norm und Frauen als das (defizitäre) Andere vorgestellt werden. Aber auch die Suche nach dem ‘genuin Weiblichen’ und dem ‘Matriarchat’ als die bessere Alternative zur ‘männlichen Ordnung’ war hier präsent. Gerade an der Kritik der letztgenannten Suche setzte die Queer-Theorie – unter anderem – an und stellte ein vermeintlich eindeutiges weibliches Wesen fundamental in Frage.

Wider die Eindeutigkeit: ja...

In der queeren Theoriebildung ist Judith Butler eine der exponierten Vertreter_innen, die 1990 mit dem Unbehagen der Geschlechter eine Fundamentalkritik an identitätsfeministischen Positionen formulierte. Sie erweiterte den Radius und kritisierte die Vorstellung eines festen einheitlichen (bürgerlichen) Subjektes insgesamt. Butler geht damit über die Forderung der Anerkennung als politisches Subjekt hinaus. Sie beschäftigt sich mit der Herstellung von Identität und stellt in Frage, ob eine Person überhaupt eine eindeutige feste Identität hat. Entsprechend lehnt sie die Vorstellung eines universellen Patriarchats ab und analysiert die Herstellung der Geschlechtsidentitäten von Mann und Frau vermittels der heteronormativen Matrix. Allgemein wird von Butler eine kulturelle Matrix angenommen, die sich sozio-historisch verändern und verschiedene Machtverhältnisse bündeln kann. Das gegenwärtige herrschende Bild ist jedoch die zweigeschlechtliche hierarchische Ordnung von Mann und Frau. Der wesentliche Ausdruck dieser Ordnung ist die Heterosexualität als gesellschaftliche Norm. In der entsprechenden Binarität werden verschiedene alltägliche Verhaltensweisen als mehr oder weniger eindeutig männlich oder weiblich verstanden, wobei männliche Eigenschaften häufig höher gewertet werden als weibliche. Dadurch ist die kulturelle Matrix im Speziellen als heteronormative Matrix aufzufassen, die das Geschlechterverhältnis strukturiert. (1)

Die heteronormative Matrix ist bei Butler die Struktur, durch die Geschlechtsidentität (gender), Körper (body) und Begehren (desire) geformt und fixiert werden. Butler fasst die Geschlechter nicht als natürlich auf, sondern als diskursiv konstruiert.
 Das Zusammenspiel der Vorstellungen von einer festen Geschlechtsidentität, einem biologisch fixierten Körper und dem zugehörigen (sexuellen) Begehren formiere sich in der Matrix. Im gesellschaftlichen Zusammenhang werde dies aber (fälschlicher Weise) als natürlich aufgefasst. So werde als Grundlage der Zwangsheterosexualität das Ideal der Reproduktion als Ziel oder vermeintlich natürliche Funktion der Sexualität begriffen. Die Geschlechter werden laut Butler dadurch sinnvoll, dass die Verbindungen von Geschlechtsidentität, Körper und Begehren vermeintlich eindeutig sind. (2) Dies lässt sich wie folgt zusammenfassen: Frauen haben eine Vagina, Männer einen Penis, daher begehren Männer Frauen und Frauen Männer und es gehört auch ein Selbst- und Fremdbild einer Frau als Frau und eines Mannes als Mann dazu. In diesen Vorstellungen würden eine Naturalisierung vom biologischen Geschlecht, eine Verbindung und Fixierung zur kulturell konstituierten Geschlechtsidentität und eine Essentialisierung der Begehrensstrukturen vorgenommen, die unhinterfragt im gesellschaftlichen Zusammenhang verständlich sei. Die gesellschaftliche Verständlichkeit von Geschlecht rekurriert damit auf einen vermeintlich vordiskursiven Grund eines natürlichen Geschlechtes. Dagegen setzt Butler, dass die Vorstellungen der biologischen Geschlechter diskursiv geformt und eben kein Ausdruck der Natur sind. (3)

Die Geschlechtsidentitäten werden nach Butler durch ständige Repetitionen (Wiederholungen) hergestellt und sind eben nicht fix. Dadurch, dass für Butler die Grenzen der als fest gedachten Geschlechtsidentitäten durch individuelle Wiederholung also je eigene Taten gezogen werden, lassen sich diese Grenzen ihrer Meinung nach auch aufweichen. Die Geschlechtsidentitäten beruhten auf ständigen Imitationen, im Versuch einem Ideal der Frau oder des Mannes zu entsprechen. Sie sind danach nicht fertig, sondern müssen beständig wiederholt werden und können dem Ideal nie entsprechen. Und so könnten sie auch bewusst und überzeichnet imitiert und damit vielleicht verschoben werden. Butler sieht entsprechend die kritische Aufgabe darin, „die subversiven Möglichkeiten von Sexualität und Identität im Rahmen der Macht selbst zu überdenken“.(4) Hier müsse aber die Voraussetzung gegeben sein, dass die Herrschaftsverhältnisse nicht unkritisch reproduziert werden. D. h. die je eigene Zurichtung durch und Teilhabe am hegemonialen Diskurs muss kritisch reflektiert werden. Dann könne nach Butler die Möglichkeit entstehen, die in dem Bereich der Geschlechtsidentitäten geltenden Gesetze zu verschieben und aufzuweichen.
 Schwul-lesbische, Bi-, Transgender- und Intersex-Positionen, die sich außerhalb der heterosexuellen Norm bewegen, werden ins Zentrum der Betrachtung gerückt.

Von der Kategorie der Identität ausgehend kritisiert Butler damit die Geschlechtsidentitäten Mann und Frau überhaupt. Sie denaturalisiert diese Vorstellung, stellt deren Konstruiertheit und die aus dieser Vorstellung resultierenden Asymmetrien ins Zentrum ihrer Kritik. Sie will die Destabilisierung der vermeintlich eindeutigen Geschlechtsidentitäten vorantreiben. Eben dieses Konzept der heteronormativen Matrix – in verschiedenen Erweiterungen – und ihrer Kritik ist es, das in den letzten zwei Jahrzehnten in vielen Bereichen (queer-)feministischer Theoriebildung den Begriff des Patriarchats abgelöst hat. Darin gründen verschiedene Implikationen, von denen viele wichtig waren und sind, die aber auch Probleme aufwerfen.

...aber die Alltagsfragen

Um die Implikationen, die mit der Transformation des Sprechens über das Geschlechterverhältnis einhergehen, einordnen zu können, ist eine grobe Einschätzung der gegenwärtigen Situation – auch in Aufnahme und Abgrenzung zu Forderungen der Ersten und Zweiten Frauenbewegung – sinnvoll. Vieles von dem, wofür in diesen gekämpft wurde, ist durchgesetzt: Frauen haben mittlerweile eine Rechtssubjektivität, was sich auch als Erfolg der Frauenbewegungen beschreiben ließe und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sind zumindest gesetzlich verboten, was sich ja auch zunehmend institutionell durchsetzt, z. B. im Gender-Mainstreaming. Kurz zusammengefasst gibt es vor dem Gesetz eine annähernde Gleichberechtigung (zumindest in Teilen der Welt).

Aber eine solche juristische Anerkennung hebt die gesellschaftlich reproduzierten Hierarchien zwischen den Geschlechtern nicht auf. Frauen sind noch immer die Hauptbetroffenen von sexueller und sexualisierter Gewalt. Es bestehen auch weiterhin Asymmetrien zu Ungunsten der Frauen, insbesondere im ökonomischen Bereich. Auch die Trennung von Reproduktions- und Produktionssphäre wird noch immer mit spezifischen Geschlechterbildern assoziiert und handelnd gelebt. Auch wenn sich hier die ehedem eindeutigen geschlechtlichen Zuweisungen aufweichen, lässt sich im Gro eine Hierarchie aufzeigen: Frauen werden auch gegenwärtig noch als primär für Haushalt, Familie, Emotionen und dergleichen mehr verantwortlich gedacht, gleichzeitig werden diese Bereiche noch immer als Untergeordnete angesehen. Wenn Frauen in der Produktionssphäre tätig sind, dann häufig doch noch in prekäreren Positionen als Männer. Entsprechend gibt es auf einer vermittelten Ebene diverse geschlechtlich konnotierte Zuschreibungen von Attributen, die ebenfalls unterschiedlicher Bewertung unterliegen: Fürsorglichkeit und Emotionalität werden Frauen zugesprochen und Durchsetzungsvermögen Männern. Wenn man sich nicht seiner zugeschriebenen Geschlechterrolle gemäß verhält folgen häufig sogar Sanktionen: von verbalen Attacken bis zu knallhartem Ausschluss aus der Zusammenarbeit. Das Gleiche und in gleicher Intensität gilt auch für linke Kreise, die auch nur Teil der Gesellschaft sind.

Kurz zusammengefasst: patriarchale Verhältnisse heißt für uns, dass dem aktuellen Geschlechterverhältnis ein Machtgefälle eingeschrieben ist, das sich auf verschiedenen Ebenen zeigt: in konkreter Entmachtung und Diskriminierung von Frauen, aber auch in unterschiedlichen Chancen auf Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen. Dies schlägt sich klar in Lohndifferenzen und ähnlichem nieder. Und auf der anderen Seite etabliert sich zunehmend ein Diskurs, der behauptet, es gäbe in der deutschen Gesellschaft weder Sexismus noch Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. 

Ambivalenzen der Mehrdeutigkeit

Wegen dieser Einschätzung muss der Begriff Patriarchat für die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse aktualisiert werden. Hierarchisierungen und Diskriminierungen lassen sich verstärkt in den jeweiligen Zuschreibungen verorten. Direkte Diskriminierungen gibt es zwar noch, aber in einem veränderten gesellschaftlichen Zusammenhang. Die strukturellen Ungleichheiten treten in diesem stärker in den Vordergrund und können nicht unmittelbar mit einem Begriff erfasst werden, der noch immer den Bedeutungsgehalt der direkten Herrschaft von Männern über Frauen mittträgt. Wer Patriarchat sagt, der oder dem wird unterstellt, zu essentialisieren und zu naturalisieren. D. h. einerseits anzunehmen, Frauen und Männer hätten eine ‘Essenz’ oder einen ‘Wesenskern’, der sie dem jeweils einen Geschlecht eindeutig zuordnet und damit andererseits das Geschlechterverhältnis nicht als sozialen Prozess anzuerkennen, sondern als überzeitliche Unterdrückung von Frauen durch Männer.

Es mag Strömungen gegeben haben, die Frauen und Männer als homogene Gruppe konstruieren wollten, für die klar war: der Mann ist der Täter, also das Böse und die Frau ist das Opfer, also das Gute. Das sei das universale, immer und überall geltende Geschlechterverhältnis. Gegen diese identitätsfeministische Vorstellung führen wir allein zwei Hauptargumente an: 1. gibt es weder die Frau noch den Mann, damit würde eine Binarität festgeschrieben, die das Geschlechterverhältnis zu stark vereinfacht und die so nicht zwangsläufig besteht. Wenn danach gefragt wird, was die Frau eigentlich ist, landet man wirklich schnell bei einer (konstruierten!) Essenz der Frau oder des Mannes, oder man tappt in die Biologie-Falle, in der über die Geschlechtsorgane der vermeintlich eindeutige Beweis der Zugehörigkeit zu einem der Geschlechter erbracht sei. 2. Werden Frauen damit wieder in einer passiven Rolle festgeschrieben, was aber grade durchbrochen werden soll. Sowohl Männer als auch Frauen wirken bei der Gestaltung ihrer eigenen Geschlechtsidentität und damit auch der des Geschlechterverhältnisses mit, reproduzieren ihre Rollen und Zuschreibungen. Mit Butler ist auch die Betonung der sozialen Herstellung von Geschlecht zu betonen: wie schon Beauvoir sagte: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ (5)

Trotz dieser und anderer Übereinstimmungen mit Butlers Kritik sehen wir das Problem, dass der Begriff der heteronormativen Matrix an einigen Punkten sehr weitläufig ist und damit in der Gefahr steht, an Analyseschärfe zu verlieren: Der Begriff ‘Matrix’ soll ausdrücken, dass es viele verschiedene Machtverhältnisse gibt, die sich überlagern und durchkreuzen, die alle – am besten gleichzeitig – berücksichtigt werden müssen. Wir sehen dabei aber die Gefahr, dass das Geschlechterverhältnis dann nicht mehr besprechbar sein soll, ohne alles andere zu thematisieren. Damit will nicht gesagt sein, dass das Geschlechterverhältnis getrennt von anderen Herrschaftsverhältnisses bestehen würde – die Ordnung der Gesellschaft wird durch Überlagerungen und Durchdringungen verschiedener Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse hergestellt und aufrechterhalten – so wird z. B. mit rassistischen Stereotypen das Frausein von Frauen mit (angenommenen) Migrationshintergrund anders konstruiert als das Frausein von ‘biodeutschen’ Frauen. Aber dennoch ist es wichtig einen Begriff zu haben, der das Geschlechterverhältnis beschreibt und kritisiert.

Ein weiterer Kritikpunkt, der daran anschließt, ist, dass mit der Verschiebung auf die Frage ‘Wie wird man Subjekt und damit Geschlecht?’ das ‘Was ist gegenwärtig vorherrschend?’ in den Hintergrund gedrängt werden kann; die Hierarchie der Geschlechter, die immer die Abwertung des als ‘weiblich’ Konnotierten beinhaltet, ist mit der Kritik an ‘Heteronormativität’ nicht so deutlich kritisierbar; Butler sieht die Hierarchie als Asymmetrie schon als gegeben an – sie geht jedoch kaum weiter darauf ein. Damit wird die Hierarchie aber zum Nebenprodukt der Konstruiertheit von Geschlecht und das ist unserer Ansicht nach dann problematisch, wenn es um die gesellschaftlichen Verhältnisse geht, in denen die oder der Einzelne immer als Mann oder Frau angesprochen wird, mit den zugehörigen Erwartungen an die jeweils zugedachte Geschlechtsidentität.

Verhalten und Strukturen

Auch wenn wir in weiten Teilen mit Butlers Kritik mitgehen, sehen wir gerade, was den letzten Punkt angeht, Bedarf an einem Analyse- oder auch Kampfbegriff, der die Ungleichheitsstrukturen direkt artikuliert. Also doch wieder zurück zum Patriarchat? In gewisser Weise, aber mit dem Zusatz ‘strukturell’, da diese – mehr oder weniger – neue Konzeption unserer Ansicht nach wichtigen Einsichten und Analysen in Bezug auf Geschlechterkonstruktionen Rechnung tragen kann. Wir wollen mit dem Konzept ‘strukturelles Patriarchat’ grade nicht sagen, dass jeder konkrete Mann über jede konkrete Frau herrscht, sondern, dass Patriarchat mehr als ein personales Verhältnis ist. Es bezieht sich auf die allgegenwärtige Höherbewertung dessen, was als männlich gedacht wird und damit auch derer, die diesem Ideal möglichst gut entsprechen. Damit soll die Hierarchie auf einer gesellschaftlichen Erscheinungsebene beschreibbar gemacht werden, auf der wir alltäglich als Männer und Frauen angesprochen und hierarchisiert werden.

Mit der Frage nach dem WIE der Konstruiertheit von Geschlecht und der nach dem Zusammenspiel von Geschlechtsidentität, Körper und Begehren wurde der Blick von Butler auf die Einzelnen gelenkt, was eine wichtige Perspektive ist. Aber die Gegenüberstellung von Einzelner und Gesellschaft ist mit dem Konzept der heteronormativen Matrix nicht möglich. Butler ging es darum, aufzuzeigen, dass das Subjekt nicht vor dem Diskurs besteht, dass es keine Substanz gibt, auf die das Geschlecht dann aufgesattelt wird, sondern dass Subjekt und Geschlechtsidentität gleichzeitig entstehen; Macht und Zwangsmechanismen sind danach einerseits in mir, wenn ich meine Geschlechtsidentität permanent wiederhole, und treten mir andererseits in gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen entgegen. Beide Ebenen fallen aber in Butlers Konzept in den Subjektivierungsweisen in eins und legt nahe, dass ‘ich’ an ‘mir selbst’ arbeiten muss und die Gemeinsamkeiten mit anderen – in diesem Fall anderen Frauen, weniger gut sehen kann. Aber klar, das individuelle Verhalten und die eigenen bewussten und unbewussten Reproduktionen von vergeschlechtlichten Zuschreibungen gilt es zu kritisieren. Es ist zu hinterfragen, ob ich mich nicht doch anders verhalte, wenn ich ein Gegenüber vor mir habe, das ich als Mann wahrnehme oder als Frau? Oder, ob ich mein Verhalten nicht auch verändere, wenn ich merke, dass ich zugeordnet werde, dass ich als Frau oder Mann angesprochen werde? Aber gerade das Angesprochen-werden als Mann oder Frau verweist schon auf gesellschaftliche Verhältnisse, die nicht mit Fragen an die eigenen Denk- und Verhaltensformen einholbar sind.

Das Geschlechterverhältnis ist weder vom Himmel gefallen, noch sind es die Geschlechter, auch gibt es nicht das eine eindeutige Geschlechterverhältnis; es gibt Differenzen zwischen Individuen. Das Geschlechterverhältnis ist historisch und regional unterschiedlich; und insgesamt: Geschlechter werden diskursiv und handelnd konstruiert und sind deswegen auch potenziell veränderbar. Soweit gehen wir mit Butler mit, aber die Crux ist doch, dass dies nicht individuell funktioniert: Zwischenmenschliches besteht aus ständigen Prozessen der Produktion und der Reproduktion, also Wiederholungen. Diese Prozesse verfestigen sich zu Strukturen, die auf die Einzelnen zurückwirken und ihr Denken, Sprechen, Handeln prägen. Das Gesellschaftliche hält auch bei der Frage des Geschlechterverhältnisses Einzug in die Individuen. Das Geschlechterverhältnis ist ein System, kein wohlgeordnetes, aber immerhin ein System. Und in diesem bewegen wir uns alltäglich. Der Zusatz strukturell bezieht sich auf eben diese Verfestigungen, in der patriarchale Verhältnisse geronnene gesellschaftliche oder soziale Prozesse sind. Diese können weder von den Einzelnen unmittelbar eingesehen werden noch sind sie direkt veränderbar, aber gleichzeitig werden sie von denselben Einzelnen permanent mitproduziert.

Um noch einmal auf den Satz von Beauvoir zurück zu kommen: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Wir leben in einer Welt, in der der Zwang zu einer eindeutigen Geschlechtsidentität besteht (also Mann ODER Frau zu sein) und so ist auch die Wirklichkeit gestaltet; mit einem Geschlecht wird jeder Person eine gesellschaftliche Position zugewiesen, und das passiert immer auch als Fremdzuschreibung. (6) Im Konzept der heteronormativen Matrix ist die Gefahr angelegt, das Geschlechterverhältnis zu individualisieren und zu entpolitisieren; in diesem wird eher die philosophische Frage gestellt: wie wird ein Individuum zu einem vergeschlechtlichten Subjekt und wie erhält es diesen Status aufrecht? Und eben nicht die Frage, wo gibt es Diskriminierungen und wie sind diese in der gegenwärtigen Gesellschaft verankert?

Das Konzept Butlers, insbesondere der Begriff heteronormative Matrix leistet damit zwar viel in der Analyse dessen, WIE Geschlecht und geschlechtliche Identität hergestellt wird, er kann aber den Begriff Patriarchat nicht in Gänze ersetzen, weil er eben auf eine andere Frage antwortet: mit Patriarchat kann die Gemeinsamkeit der als Frauen Kategorisierten betont werden und aus dieser Gemeinsamkeit das Geschlechterverhältnis als Politikum auf einer gesellschaftlichen Ebene behandelt werden. Der Begriff des strukturellen Patriarchats kann die gesellschaftlich-verfestigten hierarchischen Asymmetrien zwischen denjenigen, die als männlich wahrgenommen werden und denen, die als Frauen wahrgenommen werden deutlich machen und kann damit die zwar historisch gewachsenen, aber dennoch von Menschen gemachten Prozesse zur Herstellung des hierarchischen Systems Geschlechterverhältnis bezeichnen. 

 

1.)  Vgl. hierzu: Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a. M. 2007. Vor allem: Anm. 6, 219 f.
2.) Vgl. u. a. ebd., 39.
3.)  So wird die Vorstellung z. B. der Geschlechtsorgane durch einen medizinischen Diskurs geformt. Die Trennung von natürlichem Geschlecht und Geschlechtsidentität ist damit ein Schein, der die kulturelle Produktion des anatomischen Geschlechtes verdeckt. Die Zweigeschlechtlichkeit ist damit aber genauso gesellschaftlich produziert. Dem binären Geschlechterverhältnis wird so das naturalisierte Fundament entzogen.
4.)  Ebd., 57.
5.) Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Reinbek bei Hamburg 1992, 334.
6.) Diese Zuschreibungen und Selbstzurichtungen üben eine sehr reale Macht aus, die zwar auch in ‘mir’ ist, indem ‘ich’ eine geschlechtliche Identität annehme und herstelle und zuweise, aber sie tritt einer und einem konkret und real entgegen. Spätestens auf der Arbeit oder bei Familienfeiern, wird ‘mich’ mein (angenommenes) Frausein einholen, werden dementsprechende Erwartungen an mich gestellt und werde ‘ich’ vor dem Problem stehen, mich dazu verhalten zu müssen. Wer kocht den Kaffee, wer deckt den Tisch, all solche Fragen sind in diesem Zusammenhängen häufig nicht diskutabel, sondern es ist klar, das machen ‘die Frauen’.

AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig Maulwurfsarbeit II Oktober 2012