Der männliche Blick

Redebeitrag bei der Demonstration „Abschotten... Überwachen... Ausgrenzen...“ am 6.5.2000 in Leipzig

Wie die Erzeugung von Angsträumen unter Bezug auf vermeintliche Sicherheitsinteressen von Frauen dazu genutzt wird, mehr Überwachung zu legitimieren. Diese wiederum stellt nur eine weitere Facette dar, wie in dieser Gesellschaft Frauen dem „männlichen Blick" ausgesetzt sind.

Der Diskurs über die Überwachungsgesellschaft erfordert eine spezifische Betrachtung der Situation von Frauen. Dieser Blickwinkel hat in der bisherigen Diskussion der Leipziger Szene keine Beachtung gefunden.

Für uns als Linksradikale ist es wichtig, staatliche Strategien unter feministischen Gesichtspunkten zu analysieren, da gerade beim Thema Überwachung auf der Basis von patriarchal-bürgerlichen Werten argumentiert wird. Frauen werden zum einen als Vorwand benutzt, um Überwachung zu rechtfertigen und andererseits hat Kontrolle auf Frauen spezifische Einflüsse. Frauen sollen Angst haben. Repressive Sicherheitspolitik muß der Gesellschaft begründet werden. Gibt die Kriminalitätsstatistik keine Argumente z.B. in Bezug auf vermeintliche Drogendelikte oder sogenannte organisierte Kriminalität her, werden Frauen zur Rechtfertigung herangezogen. Eine Bedrohung wird konstruiert, Angsträume erzeugt.

Frauen wird immer vermittelt, es gäbe sichere und gefährliche Ort. In einer patriarchalen, bürgerlichen Gesellschaft sind die vermeintlich sicheren natürlich im Privaten, wogegen das Gefährliche in der Öffentlichkeit lauert. Soll also ein öffentlicher Ort überwacht werden, wird ein Angstraum konstruiert. Z.B. müssen Handtaschen von Omas herhalten oder eine Gefährdung von Frauen durch Vergewaltigung wird suggeriert. Auch Zeitungen spielen dieses Szenario gerne durch. So wird Angst erzeugt und ein gefährlicher Ort mythisiert.

Durch erhöhte Polizeipräsenz oder eine Videoüberwachung wird nicht das Sicherheitsgefühl gestärkt, sondern ein Bedrohungspotential multipliziert sich.
Überwachungsmaßnahmen dienen dem System immer nur zur Kontrolle der Beherrschten, führen aber nicht dazu, daß vermeintliche Straftaten verhindert werden. Es soll nie darum gehen, Ursachen zu erkennen und irgendetwas grundsätzlich zu verändern.

Frauen für eine repressive Politik zu instrumentalisieren, ist erst recht ein Hohn, wenn man sonstige Politik betrachtet. Auch hier treten Frauen nur als potentielle Opfer, als Objekt in Erscheinung. Frauen zu stärken kann gar nicht staatliches Interesse innerhalb eines patriarchalen Systems sein. So werden emanzipative Ideen zwar gelegentlich aufgegriffen, aber ins herrschende Konzept eingepaßt oder als symbolischer Hundeknochen angeboten. Frauenparkplätze können in einer konkreten Situation wünschenswert erscheinen, ändern aber natürlich nichts an gesellschaftlichen Verhältnissen. Intentionen feministischer Stadtplanung vermitteln vielleicht vordergründig ein größeres Sicherheitsgefühl. Es ist allerdings nicht wünschenswert, alle Straßen, Plätze und Winkel auszuleuchten und kontrollierbar zu machen, denn solche Bestrebungen laufen auf eine total überwachte Stadt hinaus, in der individuelles Handeln reguliert und normiert wird.

Das Verhalten von Frauen wird in allen Lebensbereichen sowieso stark normiert und eingeschränkt. Kinder werden geschlechtsspezifisch erzogen. Wobei Mädchen früh lernen sollen, sich zu begrenzen und angepaßt zu verhalten. Ihr Aktionsradius wird eingeengt, nicht nur durch den Zwang, sich wie eine wohlerzogene junge Dame zu verhalten, sondern auch mit dem Spruch, der ein Leben lang begleitet: Was sollen denn die anderen denken? So wachsen Frauen mit dem ständigen Wissen der Beobachtung und Bewertung auf. Das führt schnell zu Selbstkontrolle, um den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Der männliche Blick, der das Objekt abschätzt, wird Frauen in der Sozialisation so sehr eingeimpft, daß er beinahe als etwas natürliches empfunden wird. Es ist sicherlich kein Zufall, daß immer wieder von einem “Big Brother” die Rede ist. In einer bürgerlich-patriarchalen Gesellschaft kann der Blick, der beobachtet und bewertet, nur männlich konnotiert sein. Macht, z.B. Gesetze zu erlassen und zu vollstrecken, und öffentlicher Raum sind vorrangig Männern vorbehalten. Genau so funktionieren alltägliche Situationen: Frauen sind es gewohnt, von männlichen Autoritäten umgeben zu sein, sichtbar und unsichtbar, und ihr Verhalten an diesen zu orientieren. Dabei macht es keinen Unterschied, wenn in Einzelfällen Frauen Machpositionen inne haben, solange es sich nur innerhalb des Systems abspielt. In einer Überwachungsgesellschaft ist männliche Dominanz auf allen Ebenen verankert. Zusätzlich zur Entscheidungsebene sind Männer auf der ausführenden Ebene sowohl abstrakt als auch konkret präsent. Security, Wachschutz, Polizei, Kameramänner: der Überwachungsapparat ist fest in Männerhand. Für Frauen ergibt sich daraus die Spezifik, daß sie nicht nur mit einer alltäglichen Kontrolle sozialisiert werden, sondern durch die Institutionalisierung von männlicher Beobachtung eine Normierung und Einschränkung verstärkt erfahren.

Wie weit vorgegebene Machtverhältnisse verinnerlicht sind, sieht man nicht zuletzt an den Szenestrukturen. Selbst dort, wo vermeintlich eine kritische Auseinandersetzung stattfinden kann, ist ein konsequentes Aufbrechen der Hierarchie nicht möglich.

Abschließend soll bemerkt werden:

  • Bevor wir Frauen uns auf diese Überwachungslogik einlassen, fordern wir eher ein Ausgehverbot für Männer!
  • Wir haben keinen Bock, daß Frauen instrumentalisiert werden und als Argument für eine totale Kontrolle herhalten müssen!


Eure Sicherheit kotzt uns an!

AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig CEE IEH #67 Juni 2000