Das Unbehagen mit dem Sternchen

Die feministische Sprachkritik ist mehr als eine Frage der Zeichen.

Ein Junge wird von einem Auto angefahren und ins Krankenhaus eingeliefert. Einer der anwesenden Ärzte sagt geschockt: »Ich kann dieses Kind nicht behandeln, das ist mein Sohn.« Doch der Vater des Patienten ist gar kein Arzt.

 

Wie sich dieses Rätsel lösen lässt? Einige sollten nur Sekundenbruchteile für die Lösung benötigen. Nämlich all jene, die meinen, es gäbe ein Generikum, das – obwohl grammatikalisch männlich – die weibliche und männliche Bedeutung einschließt und transportiert. Vermutlich müssen die meisten länger überlegen. Dieses bekannte Beispiel belegt – in a nutshell – die These, dass sich Sprache der gesellschaftlichen Realität anpassen muss, um verständlich zu sein, gerade wenn es um die Repräsentation von Geschlecht geht.

 

Die Bemühungen um eine geschlechtergerechte Sprache haben spätestens 1981 mit den Richtlinien zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs ihren Weg in den offiziellen Diskurs gefunden. Als Anfang der neunziger Jahre von der UNESCO und bundesdeutschen Behörden Vorschläge für eine geschlechtergerechtere Sprache veröffentlicht wurden, nahm die Entwicklung ihren Lauf. Selbst die Duden-Redaktion hat der Diskussion inzwischen Rechnung getragen, sie erkennt allerdings lediglich die Schreibweise mit Schrägstrich an, also beispielsweise Klempner/innen. Die öffentliche Diskussion ist jedoch Ergebnis einer viel länger andauernden feministischen Auseinandersetzung. Wenn Frauen in Männerdomänen einbrachen, stritten sie auch dafür, sprachlich sichtbar zu werden. Mit der Entstehung einer Frauenbewegung bekam das Anliegen eine politische Resonanz. Seit der Ersten Frauenbewegung hat sich innerhalb der feministischen Sprachdiskussion viel verändert. Wo gestern noch »nur« für die Benennung von Frauen in der Sprache gekämpft wurde, wird heute versucht, alle nichtrepräsentierten geschlechtlichen Identitäten sichtbar zu machen. Es sollen in der Sprache auch diejenigen Personen repräsentiert werden, die sich weder als weiblich noch als männlich definieren, ebenso wie Personen aller Sexualitäten. Über die Umsetzung in geschriebenem wie gesprochenem Text gibt es keine Einigung: Binnen-I, Schrägstrich, – x, Sternchen und/oder Unterstrich, für alle Varianten gibt es Verfechterinnen. Und selbstverständlich auch für die Variante, die mit einem generischen Maskulinum arbeitet, die also argumentieren, das grammatikalisch maskuline Wort umfasse alle Geschlechter.

 

Die Diskussion um geschlechtergerechte Sprache, das sogenannte Gendern, wird erbittert geführt, für einige ist die Verwendung von Sternen der einzig richtige Weg, das Unbehagen am Geschlecht auszudrücken. Die Gegenseite wittert das Ende jeder abendländischen Kultur, wenn der Duden nicht das Maß der Dinge ist. Aber der Fokus auf Formalia überdeckt – auf beiden Seiten – zu häufig die interessanteren Diskussionen: Warum ist es wichtig, Gender-Diversität auszudrücken? Kann eine verallgemeinernde Aussage über Menschen so formuliert werden, dass sich jedes Individuum in ihr wiederfindet? In welchem Verhältnis steht Sprache zur Macht und in welchem zum Beschreibenden?

 

Herrschaft zwischen den Zeilen

 

Die Antworten auf die Frage, was Sprache ist und wie sich Sprache zur Wirklichkeit verhält, sind divers. Manchmal wird eine radikale Trennung angenommen, Sprache als bloßes Abbild von Wirklichkeit gesehen, als (unabhängiges) Zeichensystem gedeutet oder die gesamte Welt in Diskurse aufgelöst. Aber weder ein als abgeschlossen betrachteter Sprachbereich noch die Auflösung der materiellen Welt in Sprache scheinen den Veränderungen, denen Sprache unterliegt, entsprechen zu können, eher gibt es wohl eine Wechselwirkung von Sprache auf Wirklichkeit und vice versa. Dieses Korrespondieren ist konstitutiv für die Weltauffassung der Einzelnen und das heißt auch, dass die Sprache sich einer veränderten Gegenwart anpassen muss. Sprachgeschichtlich gibt es nicht die eine Ursprache, zu der es zurückzukehren gälte oder die erhalten werden müsste, Sprache entwickelt sich beständig weiter. Zugleich erhält die Wahrnehmung der Welt durch Sprache ihre Raster und das Selbstverständnis der Einzelnen wird durch sie geformt. Wenn die Grenzen der Sprache zu eng gefasst sind oder sie eine strukturell diskriminierende Form hat, kann das verheerende Auswirkungen haben. In der Sprache, gesprochen wie geschrieben, drücken sich gesellschaftliche Machtverhältnisse aus. Dafür seien zwei Beispiele angeführt. Zuerst Viktor Klemperers Analyse der Sprache des Nationalsozialismus, die er in seinen Tagebüchern dieser Zeit festhielt und unter dem Titel »LTI« (Lingua Tertii Imperii) 1947 publizierte, und anschließend die dystopische Vision einer rigiden Sprachwandlung in George Orwells »1984«, das Ende der vierziger Jahre verfasst wurde.

 

Klemperer zeigte in seinen Aufzeichnungen LTI für die Zeit des Nationalsozialismus die Wirkung, die Sprache entfalten kann, und arbeitete deren Instrumentalisierbarkeit heraus. Insgesamt analysierte er die ideologische Funktion von Sprache im NS, wie etwa die der Superlative, Abkürzungen, Imperative oder auch der bewusst initiierten Veränderung der Bedeutung von einzelnen Worten oder ganzen Phrasen und die Auswirkungen dieser Sprachwandlung auf die Menschen. Wenn Klemperer damit vor allem Zeugnis ablegte über das grausamste Kapitel der deutschen Geschichte, so verwies er doch auch auf allgemeinere Zurichtungsmechanismen von Sprache. »Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich«, diagnostizierte Klemperer entsprechend, »sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse.« Wenn auch im Entstehungskontext mit wesentlich dramatischerer Konsequenz, ist diese Auffassung von Sprache im Kern auch über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus gültig. Denn insbesondere die vor- oder unbewussten Ordnungsschemata, derer sich Sprache bedient, formen die Wahrnehmung, ohne dass dies unbedingt bemerkt werden würde – und gerade eine solche Bewusstwerdung der Selbst- und Fremdzurichtung durch Sprache sollte das Ziel eines reflektierten Umgangs mit Sprache sein! Klemperers Zeilen verweisen allgemein darauf, dass Sprache das Denken einrichtet und entsprechend die Raster bietet, nach denen die Welt geordnet wird. Wenn diese Raster diskriminierend sind, dann setzt sich dies unbemerkt in der Weltauffassung fort. So schreibt Klemperer weiter: »Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.« Der Verfasser zog dazu exemplarisch die Umdeutung von »fanatisch« heran, das im NS zunehmend positiv konnotiert wurde und damit eine neue Bedeutung erhielt. Aber wenn Klemperer diese spezifische ideologische Aufladung von Sprache analysierte, verwies er damit doch zugleich auch allgemein auf Wirkungen repressiver Sprache. Denn wenn diskriminierend gesprochen wird, dann hat das seine Folgen für die Menschen. Sei das Resultat eine inferiore oder eine superiore Auffassung der eigenen Person, es liegt eben auch an der Sprache und den Möglichkeiten der Fremd- und Selbstrepräsentation, die sie bietet.

 

Auch George Orwell setzte sich mit dem Verhältnis von Denken und Sprache in einem ideologisch aufgeladenen Kontext auseinander. In seiner Dystopie »1984« führte er ein Gedankenspiel durch, das die Erfahrungen des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges, aber mehr noch des Stalinismus und des beginnenden Kalten Kriegs verarbeitete, wie er sie aus einer angelsächsischen Perspektive wahrgenommen hatte. Die negative Zukunftsvision handelte von einem umfassenden Staatsapparat mit vollständiger Überwachung und Denkverboten. Zentral war in dieser Fiktion eine radikale Spracheinschränkung, welche die Weltsicht der Menschen nach den Maßgaben des »Big Brother« formen und dadurch die Freiheit des Denkens sukzessive aufheben sollte. Orwell nannte die Sprachumwandlung Newspeak (dt. Neusprech), das von der Partei des Großen Bruders instituiert wurde und das die politische Realität euphemistisch überschrieb. Durch Streichung von Worten sowie Einschränkung von Bedeutungen sollte das Denken der Menschen auf Parteilinie gebracht und gehalten werden. So wurden beispielsweise für das Adjektiv »gut« die Steigerungsformen »plusgut« und »doppelplusgut« eingeführt, das Gegenteil von »gut« wurde zu »ungut« – Worte wie »besser« oder »schlecht« sollte es gar nicht mehr geben; frei nach dem Motto, wofür es keine Begriffe mehr gibt, das kann auch nicht mehr gedacht werden. Dieses Beispiel für autoritäre Sprachauffassungen wird mitunter (weil missverstanden) ausgerechnet gegen feministische Positionen gewendet, wenn Gender-Vorschläge als Newspeak diffamiert werden. Dabei ist das Anliegen ja nicht wie bei Orwell, Begriffe aus der Sprache (und damit des Denkbaren) zu tilgen, sondern im Gegenteil, die einschränkenden geschlechtlichen Zuschreibungen zu erweitern, um mehr als heterosexuelle Lebensweisen denkbar zu machen.

 

Warum aber Orwell und Klemperer anführen, wenn es um die Frage der Sichtbarmachung geschlechtlicher Diversität in der Sprache gehen soll? Im Gegensatz zu den plakativen Vorhaltungen gegenüber feministischen Positionen à la »Sprachpolizei« ist in Orwells fiktiver Vorstellung einer durch und durch ideologisch aufbereiteten Sprache, wie auch in der realen ideologischen Veranschlagung von Sprache im Nationalsozialismus, die Klemperer beschrieb, gerade etwas anderes angezeigt. Nicht um die Frage von Künstlichkeit oder Neologismen drehte sich die Kritik primär (wobei diese für Klemperer durchaus auch eine Rolle spielten, aber in einem ganz anderen Kontext), sondern – fundamentaler – um das Verhältnis von Sprache und Weltsicht, von dem, was Wahrheit sein soll, und dem, was Lüge. Und vor allem: von der Instrumentalisierbarkeit dieser Kategorien, wenn die Sprache explizit menschenverachtend aufgeladen wird, wie den verheerenden Auswirkungen auf das Denken der Menschen. Damit ist aber in ihrer ganzen Radikalität die potentielle Wirkungskraft von Sprache angezeigt! Weder Orwell noch Klemperer sollen hier zu feministischen Sprachkritikern ernannt werden, war ihr jeweiliger Gegenstand doch etwas anderes. Im Unterschied zu gegenwärtigen feministischen Debatten um das Verhältnis von Sprache und Gewalt, in denen mitunter Gewalt in der Sprache einseitig betont wird, reagierten beide Autoren auf physische Gewalt, mit der die Sprache korrespondierte. Die Sprache ist dem perfiden System des Nationalsozialismus oder dem fiktiven von »1984« nicht vorgelagert, sondern Teil des Ganzen. Nicht die bloße Gewalt der Sprache, sondern die menschenverachtende Politik, die sich in ihr Ausdruck verschaffte, stand im Zentrum beider Texte. Beiden Beispielen unterliegt zugleich implizit die Forderung nach einem reflektierten Umgang mit Sprache und eben darum geht es in ganz anderem Kontext auch bei feministischer Sprachkritik.

 

Sprachkritik und Praxis

 

In der Sprachphilosophie gab und gibt es die unterschiedlichsten Ansätze, wie beziehungsweise ob Sprache sich auf das Handeln und Denken von Menschen auswirkt. Kulturkritische, postmoderne und materialistische Theorien bestimmen die Auseinandersetzung um feministische Sprache. Wer dem frühen Wittgenstein folgt, sieht in Sprache kein Handeln, lediglich die innere Logik eines Textes wird dann zum Bestand der Sprachkritik, da Sprache und Welt als voneinander unabhängige Systeme angesehen werden. Kulturkritische Vertreterinnen, wie Hugo von Hofmannsthal oder Bastian Sick, beklagen einen Sprachverlust, weil ihr Bezugspunkt eine vermeintlich bessere Vergangenheit ist, die romantisch überhöht wird. Jede Modernisierung und Wortschöpfung wird als Verlust von Kultur gesehen. Diese Position wird heute meist nicht in sich kohärent vertreten, denn es werden nur bestimmte Veränderungen als Kulturverlust angesehen, das kann die Rechtschreibreform sein oder eben auch die Verwendung des Binnen-I, um Frauen sprachlich zu repräsentieren. Welche Kultur hier warum verteidigt werden soll, wird nicht weiter expliziert. Die Vorstellung von Sprache als konservierbar in ihrem Status quo verkennt den ganz logischen Veränderungsprozess, den sie vollziehen muss, um sprech- und schreibbar zu bleiben. Gesellschaftliche Veränderungen müssen ebenso ausdrückbar sein, wie es Begriffe für neue Erfindungen und Entdeckungen geben muss. In der Sprache der Romantik gab es die Begriffe Astronautinnen oder Patchworkfamilie nicht, weil das Bezeichnete eben im Leben nicht vorkam.

 

Postmoderne Theorien, denen in der aktuellen queerfeministischen Diskussion oft gefolgt wird, überhöhen hingegen Sprache als Instrument, Wirklichkeit zu gestalten. Ohne tiefere Begründung heißt es zum Beispiel in der viel zitierten Broschüre »Was tun?« der AG Feministisch Sprachhandeln der Humboldt-Universität Berlin: »Sprache ist immer eine konkrete Handlung. Über Sprache bzw. Sprachhandlungen wird Wirklichkeit geschaffen.« Nicht nur Sprache und Handeln sind hier eins, sondern die Verwendung von Begriffen wird – ohne Ambivalenzen – als gesellschaftsverändernd interpretiert. Das Individuum hat scheinbar unendliche Möglichkeiten durch bloßes Benennen den Gegenstand der Kritik zu verändern. Eine recht naive Halluzination. So einfach kann es nicht sein und ist es nicht. Wie sollten sich innerhalb eines solchen Verständnisses denn gesellschaftliche Prozesse erklären lassen? Wenn ich den Lehnherren nur nicht mehr so nenne, verschwindet er mitsamt seiner Macht? Auch eine möglichst inklusive Benennung ändert noch nichts an der gesellschaftlichen Verfasstheit. Die Verwendung der Form Bürgermeister*in führt nicht zu einer realen Präsenz von transidenten Personen auf einem derartigen Posten.

 

Von gesellschaftlichen Strukturen kann sich in der postmodernen, wie auch schon in der kulturkritischen Sprachkritik kein Begriff gemacht werden. Anders in einer materialistischen Sprachkritik, die eine gute Grundlage auch für feministische Diskussionen ist.

 

Materialistische Sprachkritik ist eine Ideologiekritik, die nach der konstitutiven Begrenztheit von Sprache innerhalb ihres linguistischen und gesellschaftlichen Systems fragt. Sprache wird ins Verhältnis zu Welt und Denken gesetzt, sie ist also nicht unabhängig von Gesellschaft, sondern ihr ist ein historischer und gesellschaftlicher Kontext eingewebt. Wie könnte es anders sein: Sprache und Welt stehen in einem dialektischen Verhältnis. Obwohl Sprache als scheinbar natürlich wahrgenommen wird, ist sie ein Produkt historischer Erfahrung und gesellschaftlicher Praxis. Der materialistische Ansatz führt Sprache auf gesellschaftliche Praxis zurück, von der sie bestimmt wird und mit der sie korrespondiert. Dieser Zugang der Kritischen Theorie zur Sprache lässt sich für feministische Sprachkritik nutzbar machen. Es wird möglich, Begriffe zu hinterfragen, ohne den gesellschaftlichen Bezug zu vernachlässigen. Sowohl Enthistorisierung von Sprache wie auch ihre absolute Gleichsetzung mit Handeln, wie sie im postmodernen Feminismus vorkommt, können kritisiert werden.

 

Vielleicht ist eine letzte Einigung über die Relation von Sprache und Wirklichkeit nicht vonnöten, um anzuerkennen, dass Texte Vorstellungen von Gesellschaft transportieren. Auch wenn erbittert darüber gestritten wird, wie sich das Verhältnis zwischen Gegenstand und sprachlicher Abbildung gestaltet, letztlich ist die Entscheidung, wer in einem Text zu Wort kommt, über wen geredet wird, welche geschlechtlichen Zuschreibungen betont oder ausgelassen werden, eine bewusste. Ob oder wie geschlechtersensible Sprache verwendet wird, verändert die Bilder im Kopf der Lesenden sowohl zu dem Geschriebenen als auch über die Autorinnen. Die Verwendung von Sternchen oder Unterstrich sagt etwas über die politische Einordnung der Schreibenden aus, gleichzeitig kann es aber auch eine berechtigte Position sein, den Fokus nicht auf Geschlecht legen zu wollen.

 

Sprache kann Ausdruck von Macht sein, sie will etwas fassen, sie ist jedoch andererseits auch nur das: Repräsentation. Von Gewalt zu sprechen, ist nicht dasselbe, wie diese auszuüben, und auch keine Reproduktion von Gewalt. Einige Verfechterinnen von geschlechtergerechter Sprache scheinen so in den Diskursen verfangen, dass sie diese nicht mehr als das Reden über etwas wahrnehmen, sondern als das Etwas selbst. Wer über Vergewaltigungen schreibt, vergewaltigt damit nicht. Wenn dieser Unterschied nicht mehr gesehen wird, wird körperliche Gewalt verharmlost und betroffenen Menschen wird die Möglichkeit genommen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die Debatte nimmt bisweilen absurde Züge an. In den USA wird beispielsweise seit einiger Zeit diskutiert, wie innerhalb des Jura-Studiums (sexualisierte) Gewalt thematisiert werden soll. Einige Studentinnen fordern, dass Vergewaltigung als Straftatbestand nicht mehr zur Pflichtlehre gehören soll, und setzen teilweise das Sprechen über Vergewaltigungen mit realer sexualisierter Gewalt gleich, wie Professorin Jeannie Suk von der Harvard Law School im New Yorker ausführte. Einzelne gehen so weit, zu fordern, dass in der Lehre auf den Begriff violence verzichtet werden soll, da dieser traumatisierend wirken könne. Ähnliche Beispiele gibt es auch an deutschen Unis – und in der linken Szene.

 

Fälschlicherweise wird sich in solchen Diskussionen auf Judith Butler bezogen, die zwar dem linguistic turn zuzuordnen ist, aber in ihrem Buch »Hass spricht« ganz konkret einem Redeverbot widerspricht und zwischen Benennung und Tat unterscheidet. Butler differenziert zwischen hate speech und sogenannten verletzenden Worten, nur erstere, also eine Sprache, die Angst auslöst und andere einschränken soll, ist auch gewaltvoll. Aber auch abgesehen von Auswüchsen wie denen in Harvard wird der Gegenstand der Auseinandersetzung oft unnötig vom Inhalt zur Form verschoben.

 

SchrägUnterBinnenSternchen

 

Die Wahl der Sprache ist verbunden mit der Frage nach den Adressatinnen, dem Grund des Textes und der Form der Veröffentlichung. Aber auch politische Haltung wird durch Stil und Wortwahl transportiert. Sprache ist nicht nur Kommunikations-, sondern auch Distinktionsmittel.

 

Die Sprache des Adels war eine andere als die Sprache der Feldarbeiterin, in der katholischen Kirche wurde die Sonntagspredigt auf Latein gehalten, damit auch ja kein dahergelaufener Glaubenspöbel ein Wort verstand. Er verstand die Botschaft trotzdem: Dort ist die Macht, ich bin auf der anderen Seite.

 

Lange Zeit wurde in der westdeutschen Linken Deutschland »brd« buchstabiert. Egal, worum es in dem Text ging, mit den Kleinbuchstaben wurde Verachtung gegen den Staat ausgedrückt. Aktuell wählen selbsternannte Gesellschaftskritiker mit Vorliebe einen antiquierten Sprachstil, vermutlich wollen sie auf diese Weise die Verachtung gegenüber anderen Linken zum Ausdruck bringen. Während diese Herren und Damen nicht müde werden, Feministinnen vorzuwerfen, ihre Unterstrich-Schreibweise sei unverständlich, weisen sie den Vorwurf der Unverständlichkeit an ihren eigenen Texten als Antiintellektualismus von sich.

 

Wie kann Sprache so gestaltet werden, dass sich alle – von Adressaten über Adressat_innen bis Adressatinnen – angesprochen fühlen? In diesem Text geht es nicht darum, eine einfache Antwort zu geben, die eine Zeichenfolge favorisiert. »Puh!«, hören wir die Leserinnen stöhnen. Jetzt lese ich mich durch 20 000 Zeichen und finde keine Antwort? Naja. Die Antwort ist: Der Wunsch nach Inklusion Aller bei gleichzeitiger Nennung möglicher Unterschiede ist nicht erfüllbar. Eine allgemeine Bezeichnung ist gerade dafür da, alle, die mit ihr gemeint sind, zu umfassen, unabhängig ihrer individuellen Differenzen. In vielen Fällen spielt dabei weder Geschlecht noch Sexualität oder Hautfarbe eine Rolle. Von »Frauen« zu schreiben, kann politisch sinnvoll sein, um beispielsweise das gesellschaftliche Geschlechterverhältnis zu beschreiben oder um Gewalt gegen Frauen benennen zu können. Dass es auch andere Gewalt gibt, zum Beispiel gegen Schwule, die dabei nicht genannt wird, ist unbenommen. Aber eben auch nicht notwendig zu erwähnen, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Wer meint, mit der simplen Verwendung des Wortes Frau werde Geschlecht festgeschrieben, nimmt sich die Möglichkeit feministischer Gesellschaftsanalyse, weil die manifeste Geschlechterhierarchie nicht benannt werden kann. Auch alle, die das Männliche als das Allgemeine setzen, also das generische Maskulinum verwenden, können mit ihrem Vokabular und dem dahinterstehenden Denken Gesellschaft nicht angemessen fassen.

 

Diejenigen, die für Sternchen oder kreativen Unterstrich als Generikum plädieren, wähnen sich auf der Seite größtmöglicher Inklusion, doch nicht jede bevorzugt es, als Frau* angesprochen zu werden. Zudem wird in Kauf genommen, dass alle, die von der sehr internen Debatte um Zeichen noch nie gehört haben, nicht verstehen, was damit gemeint ist.

 

Wer heute von »Menschen« oder »Personen« schreibt, will ja genau etwas über alle sagen (auch wenn historisch zu häufig bei dem Wort Mensch nur Mann im Sinn war). Und nicht über individuelle Eigenheiten. Wenn das Wort Mensch mit Anführungszeichen versehen wird oder jeder Gruppe ihre mögliche Sexualität in Abkürzung zugesetzt wird, wird der allgemeinen Form jede Kraft genommen und die Begriffe werden entmenschlicht. Es braucht keinen Zusatz vor Menschen, denn dabei ist die Rede von allen, und wo dies nicht gilt, muss politisch interveniert werden. Andererseits muss ein Generikum bewusst gewählt werden. Sätze, die mit »alle Frauen wollen« beginnen, können kaum richtige Aussagen treffen, egal ob sie auf » … eine starke Schulter« oder » … finanzielle Unabhängigkeit« enden. Auch wenn der eine richtige Weg nicht existiert, gibt es eben doch einen Haufen falscher Fährten.

 

Dieser Text plädiert dafür, feministische Positionen zu vertreten und sprachlich genau zu argumentieren. Die Hauptkritik sollte dennoch nicht auf die Verwendung von Generikum, Unterstrich oder Binnen-I gerichtet werden, sondern auf Argumente. Die Mühe der Widerlegung von antifeministischen Stereotypen, von sexistischen Beispielen oder anderer Dummheit sollte sich gemacht werden. Andernfalls rühren alle in ihrem eigenen Brei, tragen Eulen nach Athen und predigen zu den Konvertierten. Obwohl es nervig sein kann, einen Text zu lesen, der durchgängig das Männliche als das Allgemeine setzt, sagt diese Kritik eben noch nichts über das Thema des Geschriebenen aus. Genauso wenig bedeutet die Verwendung von Unterstrichen oder Sternchen in einem Text, dass dieser emanzipatorische Ideen vertritt. Ein Wohlfühl-*, an dem die politische Gesinnung festgemacht wird, braucht es eben auch nicht. Eine scharfe Kritik an vertretenen Positionen ist wünschenswerter als an der Form des Textes. Das gilt für alle Beteiligten, die eine – meist antifeministische – Fraktion kann nicht mehr, als sich über Neologismen lustig zu machen, die andere – meist queere – echauffiert sich über das maskuline Generikum, als würde damit Gewalt verherrlicht. Mit keiner der Haltungen lässt sich gut diskutieren. So banal, wie das klingen mag: ohne Respekt vor dem Gegenüber geht es nicht.

 

Das bedeutet jedoch nicht, dass Sprache bei der Kritik keine Rolle spielt. Es wurde – hoffentlich – gezeigt, dass Sprache sehr wohl mehr als einen Inhalt transportiert, dass sie genutzt werden kann, um gesellschaftliche Veränderungen anzuerkennen oder eben zu negieren. Wer nur von Ärzten und Krankenschwestern schreibt, zeichnet ein gesellschaftliches Bild aus dem vergangenen Jahrtausend. Wer allerdings von Kanzler_in Merkel schreibt, illusioniert eine geschlechtliche Uneindeutigkeit, die unter dem Mantel der Inklusion individuelle Eindeutigkeiten verschwinden lässt. Noch absurder wird es, wenn die Feinde jeder Emanzipation mit einem Unterstrich aufgewertet werden. Auf einem Transparent gegen Legida war Mitte 2015 von Macker*innen zu lesen, unter Nazis gibt es sicherlich Nationalsozialistinnen, transidente Menschen werden sich jedoch kaum in Kameradschaften finden lassen.

 

Die Abwägung von Verständlichkeit, Adressatinnen, Kontext und Thema bleibt eine Herausforderung für feministisches Schreiben, besser gesagt: für jedes Schreiben.

 

Ein Flyer für eine queere Party wird mit Unterstrichen oder Sternchen das gewünschte Publikum erreichen. Einen Artikel bei einer Zeitung unterzubringen, die schon jedes Binnen-I herausredigiert, verlangt nach anderen Wegen. Eine recht elegante Lösung kann das generische Femininum bieten: Der Kontext klärt darüber auf, dass offenbar nicht ausschließlich von Frauen die Rede ist, das Überlegen darüber kann bei Leserinnen einen kurzen Denkanstoß zum Geschlechterverhältnis geben, Texte werden nicht schwieriger zu lesen und entsprechen der Rechtschreibung. Menschen, die sich weder einem weiblichen noch einem männlichen Geschlecht zuordnen, sind in diesem Generikum allerdings nicht explizit sichtbar gemacht. Im Gegenzug sollte, wo möglich, im Singular und in den Beispielen Transidentität sichtbar gemacht werden. Vielleicht kann die Duden-Variante sogar eine Alternative anbieten, der Schrägstrich ist am Ende doch auch nur ein sich aufrichtender Unterstrich. Viel wichtiger als diese Markierung bleibt jedoch eine inhaltliche Anerkennung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, eine Abkehr von klischeebehafteten Beispielen und eine feministische Position, die sich aus dem gesamten Text herauslesen lässt.

 

Hat sich hoffentlich gelohnt, bis zum Ende dabei zu bleiben. Ach so, der Arzt ist eine Ärztin und die Mutter.

 

 

 

AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig Jungle World Januar 2016