Deutsche Umtriebe

Einleitungstext zur Veranstaltungsreihe gegen Geschichtsrevisionismus „Deutsche Umtriebe“ von AFBL und LeA, die als Kritik zur Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration" im zeitgeschichtlichen Forum organisiert wurde vom April 2007.

Nachdem Auschwitz grundsätzlich anerkannt ist und über die spezielle Verantwortung der Deutschen diskutiert wird, kommt es gerade in letzter Zeit zu einer verstärkten Thematisierung der „Leiden“ der Deutschen in und nach dem Krieg. Während früher nur Stimmen aus dem rechten Lager eine Anerkennung des angeblichen Unrechts gegen „Vertriebene“ forderten, ist sie heute gesellschaftlicher Konsens geworden. Wie das Volk der Täter_innen sich als Opfer stilisieren will, zeigt sich momentan im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig in der Ausstellung „Flucht, Vertreibung und Integration“ (1.12.06- 22.4.07) besonders deutlich.

„Endlich“ dürfen die Deutschen von Ihrem „Leid“ erzählen. Zwar gehört es zum guten Ton, die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg und der Shoah einzuräumen, jedoch kursieren die Erzählungen über das „Leid“ der deutschen „Vertriebenen“ fast unabhängig davon. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Täter_innenschaft der Deutschen wird nicht geführt.

Die Ausstellung versucht sich zu legitimieren, indem die „Vertreibung“ der Deutschen in den europäischen Kontext des „Jahrhundert der Vertreibungen“ eingeordnet wird. Am Anfang der Ausstellung wird kurz der „Völkermord an den Armeniern“ angerissen. Die „Vertreibungen“ von Pol_innen, Griech_innen und Türk_innen werden oberflächlich und informationsarm abgehandelt. Das Resultat ist eine undifferenzierte Einordnung der deutschen „Vertreibung“ in eine europäische Leidensgeschichte, wobei der Kontext der einzelnen Umsiedlungen, der ja erst eine Bewertung möglich macht, ausgeblendet wird.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das angebliche Leid der deutschen Flüchtlinge. Der Duktus, in dem sich die Ausstellung nach dem Eingangsraum präsentiert, soll eine emotionale Betroffenheit hervorrufen. Gezeigt werden u.a. Fotografien von halb verhungerten Menschen, Menschenmassen auf Bahnhöfen vor Viehwagons – Bilder, die implizite Parallelen zu fotografischen historischen Zeugnissen der Shoah ziehen.

Die Betonung des Schreckens nivelliert den Unterschied zwischen deutschen Täter_innen und deren Opfern und macht die Schuldfrage überflüssig. Eine solche Herangehensweise befördert geschichtsrevisionistsche Tendenzen und manipuliert eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in der Weise, Deutsche als die Opfer des Zweiten Weltkrieges zu verstehen.

In der ganzen Ausstellung wird nur ein einziges Mal erwähnt, dass der „Vertreibung“ der angeblich unschuldigen deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten ein nationalsozialistischer Vernichtungskrieg voranging. Jedoch wird nicht die Schuld und Mitbeteiligung der deutschen Bevölkerung an den vorangegangenen Verbrechen thematisiert, allein Hitler und die apersonalen Nazis werden als Täter_innen und somit als die Verantwortlichen für den faschistischen Terror benannt.

Anhand von individuellen Biografien und Zeitzeugenberichten wird man durch die Ausstellung geführt. Diese Methodik führt zu einer Identifikation mit den vermeintlichen Opfern anstatt den historischen Kontext zu beleuchten. Subjektive Erlebnisse werden so zu einer allgemeingültigen kollektiven Erinnerung. Die Nachkriegsgeschichte an Hand der Integration der Vertriebenen zu erzählen, verstellt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Kontinuitäten zum Nationalsozialismus werden in den Hintergrund gerückt und die Täter_innen als unschuldige deutsche Bevölkerung stilisiert. Anstatt die Rolle der Vertriebenverbände und Landsmannschaften als revisionistische Organisationen zu kritisieren, werden diese Gruppen integriert und dürfen Ausstellungsgüter zeigen.

Als Beitrag über das „Jahrhundert der Vertreibungen“ wird die Ausstellung verstanden, sie rückt jedoch das „deutsche Leid“ in den Mittelpunkt und beansprucht gar einen Status der Singularität durch die Hervorhebung der größten Anzahl von deutschen „Vertriebenen“. Auf der Homepage der Ausstellung wird eben dies betont: „Die Wechselausstellung verdeutlicht, dass Flucht und Vertreibung deutscher Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges die zahlenmäßig größte erzwungene Bevölkerungsverschiebung des 20. Jahrhunderts war.“ Deutsche Verbrechen werden so implizit in eine Reihe „europäischer Verbrechen“ gesetzt und die Singularität der Shoah so in Frage gestellt.

Dieser Ausstellung, der revisionistischen Geschichtspolitik und der unkritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wollen wir eine kritische Analyse des deutschen Opferdiskurses entgegensetzen.

AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig Broschüre zur Veranstaltungsreihe April 2007