Kopftuch als System

Einleitung zur Veranstaltung mit Fathiyeh Naghibzadeh am 04.10.2006 im Conne Island

Die Diskussion über Unterdrückung von Frauen im Islam hat in den vergangenen Jahren an medialer Präsenz gewonnen und wird in einem breiten gesellschaftlichen Kontext wahrgenommen und diskutiert. Die Rolle der Frauen, die nur in Abhängigkeit zu Männern gedacht und nur in ihrer Mutterrolle geachtet werden, wird vermehrt kritisiert. Zum einen liegt dies an der öffentlich geäußerten Kritik betroffener Frauen. Zum anderen vermehrte sich angesichts des Terrorismus nach dem 11. September die Kritik am Islam als zunehmende Bedrohung für die westliche Gesellschaft.

Die Debatte in der deutschen Öffentlichkeit ist allerdings nicht nur deshalb so breit und heftig, weil sich so viele Menschen für die Rechte der Frauen interessieren und diese stärken wollen, sondern weil ein Pauschalbild der unterdrückten islamischen Frau auch vielfältige Funktionen in der Integrationsdebatte sowie in dem Entwurf deutscher Identität einnehmen kann.

Die Publikationen Necla Keleks über Zwangsverheiratung, Seyran Ates öffentliche Auftritte als Anwältin von patriarchaler Gewalt betroffener muslimischer Frauen und die Veröffentlichungen der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali – all diese Aktivitäten führten dazu, dass Unterdrückung von Frauen im Islam nicht länger nur als Einzelfälle abgetan, sondern als dem Islam innewohnendes strukturelles Element bezeichnet werden. Das öffentliche Agieren dieser Islamkritikerinnen zeigt auch die Grenzen der Diskussi­on und der politischen Unterstützung auf. Nämlich dann, wenn diese Frauen nicht mehr die ihnen zugestandene Opferrolle erfüllen, sondern sich als politische Subjekte artikulieren.

In einem antirassistischen Spektrum herrscht vielfach die Auffassung vor, sich um MigrantInnen kümmern zu müssen. Ihre Rolle bleibt auf die des Opfers beschränkt. Die Beteiligung von bspw. Necla Kelek und Seyran Ates an der Integrationsdebatte wurde hier nicht auf inhaltlicher Ebene diskutiert, sondern Kritik wurde vorwiegend an der vermeintlichen Vereinnahmung durch LeitkulturideologInnen geäußert. So als wä­ren die beiden Frauen keine politischen Subjekte, die wissen, was sie tun.

Ein Beispiel für diese Vereinnahmungsthese stellt der Taz Artikel „Frau der weißen Männer“ vom Mai dieses Jahres dar. Zur Ausreise Hirsi Alis schreibt Ulrike Herrmann:

Die niederländische Rechte [verliert] ihre Kronzeugin, dass der Islam eine rückständige Religion ist, die die Frauen unterdrückt. Bei weißen Männern war diese These sehr beliebt; Musliminnen hingegen konnten noch nie viel mit ihrer selbst ernannten Retterin anfangen.(1)

Die Diskussion um das Asylverfahren von Hirsi Ali zeigt allerdings auch, wie weit MigrantInnen in ihren politischen Äußerungen gehen dürfen. Hirsi Alis Eintreten für eine liberalisierte Einwanderungspolitik war in ihrer konservativen Partei, der VVD, nicht gerne gesehen. Ein Zuviel an politischer Kritik wird geahndet. Hier zeigt sich, wie vorherrschend der Assimilationsgedanke ist, der sich z.B. auch in der Forderung nach einem allgemeinen politischen Betätigungsverbot für MigrantInnen widerspiegelt.

Schon mit dem Aufkommen der Kopftuchdebatte und der radikalen Verfechtung von Frauenrechten und Befürwortung eines Kopftuchverbotes in der feministischen Zeitschrift „Emma“ wurde eine weitere Grenze der Auseinandersetzung und politischen Unterstützung klar abgesteckt. So wird von antirassistischen Linken die Benennung der im Islam strukturell angelegten Gewalt an Frauen verstärkt als ethnozentrisch bzw. rassistisch eingestuft, da diese Kritik im Kontext einer rassistischen Mehrheitsgesellschaft formuliert wird. So kam es z.B. 1994 (2) zu antirassistischen Protesten in den Redaktionsräumen der Emma. Die Emma wurde beschuldigt rassistisch zu argumentieren, als sie den Islamismus und die Unterdrückung der Frau strikt kritisierte.

Mit der Verfassungsklage 1997 der kopftuchtragenden Fereschta Ludin gegen den Ausschluss vom Schuldienst wurde die Frage eines Kopftuchverbotes verstärkt öffentlich diskutiert. Es kam 2003 nicht zu einem generellen Verbot, sondern das Bundesverwaltungsgericht verwies die Entscheidung an die gesetzgebende Länderebene. Danach kam es vermehrt zu Stellungnahmen verschiedener gesellschaftlicher, religiöser und politischer AkteurInnen.

Beispielsweise sprachen sich u.a. Marieluise Beck und Rita Süssmuth mit einem offenen Brief „Wider eine Lex Kopftuch“(3) gegen angebliche Zwangsemanzipation und für religiöse Vielfalt aus.

Im Februar 2004 warfen jedoch verschiedene Wissenschaftlerinnen und Publizistinnen Beck und Süssmuth eine paternalistische Position vor, die die Ablehnung des Kopftuchs eines Großteils muslimischer Frauen ignoriere. Eine häufig geäußerte feministische Position ist die, dass eine Duldung des Kopftuches die Betroffene der Entrechtung ausliefere.

Noch immer zeigt sich in einem Großteil der Linken eine Abwehr, mit einer Islamkritik in die Diskussion des gesellschaftlichen Mainstreams einzusteigen. Sie verbinden damit die vermeintliche Gefahr an rechte oder rassistische Positionen anzudocken und geben sich mit einer Kritik an der eigenen islamfeindlichen Dominanzkultur zufrieden.

Mit Rassismus hat die Benennung anti-emanzipatorischer Tendenzen im Islam allerdings wenig zutun, viel mehr hat dieser falsch verstandene Antirassismus erst dazu geführt, dass es lange Zeit keine öffentliche Diskussion um Zwangsverschleierung, Zwangsheirat und Ehrenmorde geben konnte.

Im offenen Brief mit dem Titel „Gerechtigkeit für Muslime“, welcher im Februar diesen Jahres in der Zeit veröffentlicht und von 60 MigrationsforscherInnen unterzeichnet wurde, schreiben Mark Terkessidis und Yasemin Karakasoglu als Reaktion auf den Erfolg des Buchs die „fremde Braut“ der Islamkritikerin Necla Kelek:

"Die Öffentlichkeit befasst sich unverhältnismäßig viel mit der muslimischen Minderheit, während kaum über alltägliche Diskriminierung, die Selbstentwürfe von »anderen Deutschen« oder die Probleme auch von nichtmuslimischen Migranten im Bildungsbereich gesprochen wird." (4)

Der Vorwurf besteht zuallererst darin, dass sich die Autorinnen primär gegen Phänomene wie Zwangsheirat, Ehrenmorde oder Kopftuchzwang richten, anstatt die alltägliche Diskriminierung zu fokussieren. Eine inhaltliche Auseinandersetzung wird gemieden, stattdessen wird den Autorinnen vorgeworfen, im islamfeindlichen Mainstream mitzuschwimmen und diesen anzustacheln.

Im oben genannten offenen Brief „Gerechtigkeit für Muslime“ schwingt nicht wenig Unmut über die eigene, leider vernachlässigte Position im gesamtgesellschaftlichen Diskurs mit. Anstatt sich jedoch mit der deutschen Integrationsdebatte auseinanderzusetzen, wird sich hier auf die Anklage gegen eine angeblich unwissenschaftliche Arbeitsweise von Frauen wie Kelek, Ates und Hirsi Ali und ihre Rolle in der Debatte versteift. So heißt es:

"Dass der ehemalige Innenminister Necla Keleks Buch bespricht, dass sie für ihre in höchstem Maße unseriöse Arbeit den Geschwister-Scholl-Preis erhält und dass sie eine gern gesehene Beraterin im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist; dass große Teile der Verwaltung, Ministerien und Medien lieber auf unseriöse Pamphlete zurückgreifen, während die differenzierte wissen­schaftliche Forschung kaum wahrgenommen wird – diese Entwicklung ist in der Tat besorgniserregend. In der öffentlichen Diskussion führt die Ignoranz gegenüber der Wissenschaft nicht nur zu ungenauen und vorurteilsbeladenen Vorstellungen über den Islam und die Migranten, sondern auch zu einer Verengung des Themenspektrums." (5)

Offenbar wird es hier für problematisch befunden, wenn sich Frauen mit islamischem Kontext nicht primär als Opfer der rassistischen Mehrheitsgesellschaft sehen, sondern ihre Kritik an primär gegen Zwangsheiraten, Ehrenmorde oder den Kopftuchzwang richten.

Implizit werden IslamkritikerInnen damit auf ihre vermeintliche kulturelle Identität festgeschrieben, die sich zuallererst in einem Unterdrückungsverhältnis zur deutschen Mehrheitsgesellschaft verstehen solle.

Gesellschaftlich verbreitet ist eine kulturrelativistisch tolerante Einstellung, die sich letztendlich auch auf Kulturen als natürliche Einheiten stützt und diese somit einer Kritik entzieht. Hier werden die genannten Probleme im Kulturvergleich heruntergespielt. Á la fremde Länder, fremde Sitten.

Im gesamtgesellschaftlichen Diskurs ist die Kritik an einem gewalttätigen Sexismus in islamischen Communities tatsächlich nicht ohne eine Grundsatzdebatte um Integrationsfähigkeit von so genannten „Ausländern“, „Leitkultur“ und restriktive Einwanderungspolitik zu haben. Nicht zuletzt auch wegen ihrer kritischen Äußerungen zur Integrationsfähigkeit von MuslimInnen und der Forderung nach integrativen Maßnahmen, bezüglich geschlechterpolitischer Standards, wurden Frauen wie Kelek oder Ates zu wichtigen Diskussionspartnerinnen in der Integrationsdebatte. Aktuell waren sie als säkulare Vertreterinnen der Islamkonferenz geladen.

Das Bekanntwerden um Gewaltbereitschaft islamischer SchülerInnen an der Berliner Rütli-Schule hatte zu einer generellen Debatte um das Scheitern deutscher Integrationspolitik geführt. Eine begrüßenswerte Debatte um gleichberechtigte gesellschaftlicher Teilhabe von MigrantInnen und dem Einsatz sinnvoller Integrationsmaßnahmen, wozu auch eine Auseinandersetzung über antiemanzipatorischen, sexistischen

Tendenzen im Islam zählt, wurde zu einer Debatte um kulturelle Selbstvergewisserung.

Die Gefährdung vermeintlicher deutscher zivilisatorischer Gewissheiten und Reglementierung wurde dabei in den Vordergrund gestellt. Der Titel des diesjährigen Integrationsgipfels „gutes Zusammenleben -klare Regeln“ verdeutlicht hier, wer Herr im Hause Deutschlands ist.

Statt einer wünschenswerten gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Themen wie Sexismus, Antisemitismus und Homophobie und auch mit ihrer Verankerung in islamischen Communities konnte die Frage nach Emanzipation zu einer Folie für die gesetzliche Durchsetzung leitkultureller Vorstellungen und damit einer restriktiven Einwanderungspolitik avancieren. Der in der deutschen Gesellschaft verankerte Rassismus wurde nicht zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung.

Denn so zeigt sich laut einer Untersuchung des Bielefelders Instituts für interdisziplinäre Konflikt-und Gewaltforschung (2004) sogar für 73 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass Muslime nicht in die westliche Kultur passen (6). Als ein gerne vorgebrachtes Argument dafür ist, dass die Frauen in der islamischen Religion so stark benachteiligt und misshandelt werden. Für 24 Prozent der Befragten ist sogar klar, dass Muslime erst gar nicht nach Deutschland ziehen dürften (7). Dies zeigt deutlich in was für einem rassistischen Klima diese Debatte geführt wird.

Die Problematik eines gewalttätigen Sexismus in islamischen Communities wird nicht als ein innergesellschaftliches begriffen, sondern als etwas von außen Kommendes, „Fremdes“, das mit einem homogenen und vermeintlich emanzipierten Deutschtum als Gegenmodell nicht vereinbar ist. Dies wird in den Forderungen nach Abschiebung von Straftätern oder nach einem Einbürgerungstest deutlich.

Die dringend notwendige Kritik an antiemanzipatorischen Bestrebungen wird so primär zu einer Frage der Zugangsberechtigung zur deutschen Gesellschaft, bzw. zur gleichberechtigten Teilhabe. Die Projektion von sexistischem Verhalten auf ein Außen, befördert gleichzeitig das Gefühl, ein gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis schon realisiert zu haben. Hiesige Geschlechterhierarchien und Rollenzuschreibungen werden ausgeblendet und damit nicht mehr bekämpft. Trotz der starken Aufmerksamkeit für patriarchale Unterdrückung in islamischen Communities, steht ansonsten, sowohl im gesellschaftlichen Mainstream als auch im linken und antideutschen Spektrum die Auseinandersetzung mit Sexismus und feministischen Forderungen nicht besonders hoch im Kurs. Dieses Ungleichgewicht zeigt sehr deutlich die Instrumentalisierung der Kritik am islamischen Sexismus.

Was wir deutlich machen wollen, ist dass eine Kritik am Sexismus in islamischen Communities nicht gegen eine Kritik am deutschen Rassismus ausgespielt werden darf. Sondern dass eine Position gefunden werden muss, die den rassistischen Mainstream verurteilt und die Emanzipation der islamischen Frauen unterstützt. Wir möchten besonders islamkritische feministische Positionen stärken.

Unser Anliegen den Film „Kopftuch als System-Machen Haare verrückt?“ vorzuführen war es, islamische Frauen zu zeigen, die nicht als bloße Opfer dargestellt, sondern als Individuen, die mal mehr feministisch, kommunistisch oder auch künstlerisch orientiert auf verschiedene Weise Widerstand leisten.

Damit wollen wir uns dem Motto des Filmes anschließen: „dass Emanzipation nicht westlich oder östlich, sondern universell. Ist.“

 

AFBL Antifaschistischer Frauenblock Leipzig CEE IEH #137 November 2006