Tagesworkshop am 08. September 2018

„know your feminist history“: Wie Frigga Haug zur Feministin wurde

Ort: Leipziger Süden, 08.09.2018, 11-18 Uhr

Es ist 2018. Das Jubiläumsjahr der ‘68er. In den meisten Retrospektionen wird mal mehr, mal weniger zentral auch vom 13. September 1968 gesprochen, von Helke Sanders Rede vor dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund und dem Tomatenwurf von Sigrid Rüger. Es wird die Leerstelle benannt, die das Bild der allgemeinen Befreiungshoffnung in der Rückschau vervollständigen soll. Die Stimmen hat es ja auch gegeben. Damals wurden sie aber nicht so gern gehört. Ging man von der Überwindung des Kapitalismus aus, wurde die Notwendigkeit der Befreiung der Frau innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse nicht gesehen. Solche Forderungen wurden sogar als bürgerliches Denken verpönt und die sogenannte Frauenfrage als Nebenwiderspruch abgetan, der sich mit der Revolution erledige.
Wir wollen genau 50 Jahre danach eine feministische Perspektive ins Zentrum rücken, die sich dieser falschen Ablehnung stellt. Wie kaum eine andere vertritt Frigga Haug heute die doppelte Perspektive von Marxismus-Feminismus. Stand sie in der Zeit, die die Zweite Frauenbewegung hervorbrachte, dem Feminismus mehr als skeptisch gegenüber, folgten in den 1980er Jahren erste Versuche Marxismus und Feminismus zusammenzudenken. Dazwischen liegt die Annäherung einer gestandenen Marxistin an den Feminismus, in der Frauen- und Arbeiterbewegung zuerst noch aufgrund verschiedener Unterdrückungsmodi als notwendig erachtet wurden. Nicht sofort wurde also das Zusammendenken ausgemacht, das Haugs heutiger Position zugrunde liegt. Wir wollen in dem Workshop ihre Hinwendung zum Problemkomplex gemeinsam erarbeiten. Wie kommt die überzeugte Marxistin zum Nachdenken über Geschlecht und Kapitalismus? Auf welche Widerstände trifft sie in der Linken? Welche Probleme in den Theorieströmungen sieht sie zuerst noch, die sie später vielleicht nicht mehr in der Klarheit benennt? Anhand von zwei Texten – dem im Mai 1980 an der ersten Westberliner Volksuniversität gehaltenen Vortrag Frauen – Opfer oder Täter?* und dem ein Jahr später ebenfalls an der Volksuni gehaltenen Vortrag Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus** – wollen wir gemeinsam die Fragen diskutieren, die sich nicht nur Haug um 1980 stellte, sondern, die auch wir uns (jenseits des Marxismus) in gewissem Sinne noch heute stellen.

 

Literatur:

*        Frigga Haug, Frauen – Opfer oder Täter? Über das Verhalten von Frauen, in: Das Argument 123 (September/Oktober 1980), 643–649; den Text findet ihr hier: <http://www.neu.inkrit.de/mediadaten/archivargument/DA123/DA123.pdf>
**        Figga Haug, Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus. Zum Verhältnis von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung, in: Das Argument 129 (September/Oktober 1980), 649–664; den Text findet ihr hier: <http://www.neu.inkrit.de/mediadaten/archivargument/DA129/DA129.pdf>