Redebeitrag am 01. Juni 2015

Redebeitrag in Annaberg-Buchholz- Protest gegen fundamentalistischen “Schweigemarsch”

Die Würde des Menschen ist es, die die „Christdemokraten für das Leben“ ganz groß auf ihre Fahnen schreiben. Bei dieser Würde sind aber nicht diejenigen gemeint, die potenziell Kinder gebären können. Denn die Formel ist religiös und patriarchal aufgeladen. Ganz abgesehen von der Vorannahme der selbsternannten Lebensschützer, dass vor allem Mensch ist, wer eindeutig Mann oder Frau ist und in einer heterosexuellen Familie leben will.
Im letzten Jahr hatte der Papst seine Grüße an den Marsch für das Leben nach Berlin gesandt, und im Januar diesen Jahres sagte er: „Jede Gefährdung der Familie ist eine Gefährdung der Gesellschaft selbst“. Was er mit Familie meint ist klar: das heterosexuelle Paar mit Kindern. In dieser Sicht auf Familie und Gesellschaft würden die vermeintlichen Lebensschützer ihm wohl ohne Vorbehalt zustimmen. Der Papst ist nicht ihr einziger Stichwortgeber und sie setzen sich nicht nur aus religiösen Hartlinern zusammen, sondern rekrutieren sich auch aus einer rechtspopulistischen Gemengelage. Diese Lebensschützer berufen sich auf demographische Entwicklungen und beschwören die Angst vor einem Aussterben des deutschen Volkes herauf. Eine solche Angst vor dem Volkstod ist nichts Neues in Deutschland. Mit der Verbindung von Familie und Gesellschaft wird allgemein ein Bedrohungsszenario aufgerufen, das sich gegen alle richtet, die nicht in eine binäre Geschlechterordnung von Mann und Frau passen oder die sich nicht in die Logik von Ehe und Familie einfügen wollen. Und wenn Christen dann doch mal über die Würde der Frau sinnieren, dann auch gleich über ihre Berufung. Und was mag wohl diese Berufung sein? Maria ist das Role Model schlechthin und natürlich durch Mutterschaft und Fürsorge definiert. Eine Vorstellung, die den Lebensschützern wohl ebenfalls nicht fern liegen dürfte. Denn hinter ihrem vermeintlichen Einsatz für das Leben steht insgesamt das veraltete Konzept der Notwendigkeit von Ehe und Familie für eine Gesellschaft, in der Frauen primär als Ehefrauen und Mütter und nicht als selbstbestimmte Individuen fungieren, sondern böse gesagt: als Reproduktionsmaschinen. Das Mutterkreuz lässt grüßen. Und alle anderen, die sich nicht in die christliche Normvorstellung von heterosexueller Ehe fügen wollen, fallen per se schon aus der Rechnung der sogenannten Lebensschützer heraus. Kurz gesagt: Die christliche Vorstellung von Würde hat meist dort ihre Grenzen, wo ihre Normen nicht akzeptiert werden.
Dem euphemistischen Namen der „Christdemokraten für das Leben“ unterliegt nicht zuletzt eine geschichtlich überholte Idee der „heiligen“ Familie, die patriarchal konstituiert war und die sich durch das Christentum legitimiert sah. Damit war über Jahrhunderte ein Zwangsregime instituiert worden, das sich in der bürgerlichen Welt fortsetzte und die Rolle der Frau als dienende Ehefrau und Mutter festschrieb. Diese Zeit ist vorbei! Aber von gewissen unzeitgemäßen Personen wird noch heute das Bild einer vermeintlich idealen Familie gegen diejenigen gerichtet, die sich diesem Schicksal entziehen wollen. Alles was aus der Norm herausfällt wird abgelehnt: Sei es Homosexualität, sei es der Wunsch aus der binären Geschlechterordnung auszutreten, sei es die Entscheidung für eine Abtreibung oder sei es auch „nur“ die Entscheidung keine Kinder haben zu wollen – wobei letzteres eventuell ok wäre, wenn dazu auch gehören würde, keinen Sex zu haben. Insgesamt gilt: trotz einer veränderten Realität, trotz einer erkämpften – und teilweise durchgesetzten – gesellschaftlichen Akzeptanz sexueller Vielfalt, steht die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die eigene Sexualität noch immer nicht auf diesem christlichen Heilsplan.
Ein solches anachronistisches Weltbild ist keine Position in der Frage nach der Würde des Menschen! Das wäre blanker Hohn. Denn Freiheit zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper gehört absolut notwendig zur Würde des Menschen. Aber in guter alter christlich-konservativer Manier wird diese von den Lebensschützern implizit nur Männern zugedacht oder eben Frauen, die sich im christlichen Mutterbild wiederfinden.
Gegen das entmündigende Bild der Frau im Christentum hatte sich bereits die zweite Frauenbewegung gerichtet und zumindest in Teilen Erfolg gehabt, was die sogenannten Lebensschützer nicht akzeptieren wollen. Eine wichtige Weiche hin zur Selbstbestimmung der Frauen war die 1971 von 374 Frauen initiierte Abtreibungskampagne im Stern. Denn die Entscheidung gegen eine Schwangerschaft ist notwendiger Teil von Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Im Kampf gegen den § 218 zeigten so die Parolen „Mein Bauch gehört mir!“ und „ob Kinder oder keine bestimmen wir alleine“ das zentrale Anliegen. Und das gilt auch heute noch. Wenn Menschen nicht über eine Schwangerschaft selbst entscheiden dürfen, wird ihnen die Freiheit über den eigenen Körper zu bestimmen abgesprochen. Eine Freiheit, die überhaupt erst im Ansatz erkämpft werden musste und die wir nicht aufgeben werden!
Heute kommen die „Christdemokraten für das Leben“ daher und wollen vermeintlich im Namen der Würde des Menschen die grundlegende Freiheit absprechen, die notwendiger Bestandteil eben dieser Würde ist. Diese Möchtegern-Lebensschützer wollen rückgängig machen, was wichtige Schritte hin zur Selbstbestimmung waren. Schritte die dahin führten, dass Frauen und Männer heute gleichgestellter sind, als vor vierzig Jahren. Dabei soll und darf nicht ignoriert werden, dass es auch heute noch einen sexistischen Normalzustand gibt: Frauen haben nicht den gleichen Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen. Es gibt eine zweigeschlechtliche heterosexuelle Normvorstellung. Menschen werden noch immer aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert. Dieser Status quo darf nicht alles sein. Der feministische Kampf geht weiter! Für die Streichung des § 218! Für die Freiheit zur Selbstbestimmung! Eure Familie kotzt uns an!